Gepostet von Redaktion (PlanetLyrik) am 11. Juni 2017

Ingold schwand dahin wie die Spur, die er hinterließ, wie der flüchtige Eindruck, den man von ihm hatte. Vielleicht hatte er überhaupt nur diese eine Leidenschaft, eine Art Schwindsucht. Oder auch bloß die Lust zu verschwinden, sein eigenes Verschwinden zu betreiben. Allmählich zu verhallen im gemalten Himmel des Lesesaals, als schwereloser Staub für immer dort oben zu schweben im allegorischen Parnaß, zwischen molligen Musen und witzigen Wölkchen und all den hagern Wissenschaften.
Oft … spät abends … saß er zurückgelehnt in seinem leicht knarrenden Stuhl, wie angestrengt er zur Decke starrte. Als suchte er vor dem Eindunkeln nach einem Platz im flachen südseeblauen Gewölbe, wohin er abheben, emigrieren könnte. »Nur dann … nur dafür setzte er, soweit ich das beobachten konnte, seine Brille auf, das heißt er zog sie sich an wie ein intimes Kleidungsstück, eine winzige Nickelbrille mit dünnen biegbaren Bügeln, die er sich jedesmal umständlich über die Ohren zog, bis die Acht so dicht vor seinen Augen saß, daß bei jeder Lidbewegung die kurzen borstigen Wimpern von innen an die Gläser stießen.«
Zwischen Macht und Nichts gibt es genauso wenig Höflichkeiten, wie es zwischen Masse und Macht Erinnerungen gibt. »Ich kann’s anders nicht sagen«, sagte der Erzähler.
»Damals schrieb ich an meiner eigenen Geschichte.«
»Ich liebte diesen Lesesaal. Für mein Thema war es die ideale Bibliothek, im Sommer achtunddreißig verbrachte ich die meisten Nachmittage dort, manchmal auch die Abende.«
»Ingold gehörte zu dem großen Ausleihpult genauso wie das rot verkrustete Tintenfaß mit der eingeschliffenen Rille für den Federhalter, für mich gehörte er eher zu den Gegenständen als zum Personal, ich glaube nicht, daß wir je ein Wort gewechselt haben. Aber es gab viele stumme Gesten zwischen uns, es gab eine Art von Einverständnis … eine komische Vertrautheit, wie sie nur unter Fremden aufkommt.
Seinen Namen erfuhr ich … ich weiß nicht mehr von wem, von ihm jedenfalls nicht. Warum hätte ich ihn nach seinem Namen fragen sollen, er war die Aufsicht, ihn brauchte man nicht zu kennen, es genügte, daß er mich … daß er uns Leser kannte.
Ingold schien es überhaupt nicht zu interessieren, woran ich arbeitete, obwohl er doch Tag für Tag die Bücher und Zeitschriften in die Hand bekam, die ich jeweils am Vorabend bestellte und für den Lesesaal reservieren ließ. Mit der immer gleichen Betulichkeit, ich würde sogar sagen, mit der immer gleichen Abwesenheit stempelte er die Leihscheine, seine irgendwie unschöne, seltsam kantige Handschrift, mit der er meinen Namen in die Benützerliste eintrug, sah aus wie der blutige Kreuzstich über einer Wunde.« Ingolds Heimat war der Ort, an dem er sich … jetzt … gerade aufhielt und den er doch eigentlich nicht ausfüllte, er gehörte zu denen, die durch ihre Wenigkeit die Macht der andern bestärken, die Macht überhaupt erst ermöglichen, das Böse.