(Extrakte aus dem «Belagerungszustand)
Ich bin die Pest! Und du?
Ich habe mich mit dem Tod ins Einverständnis gesetzt, das ist meine Stärke.
Die Feigheit, das ist – wie sie alle leben, klein, in Sorge, stets auf halber Höhe.
Ich muss der Meister aller sein, oder ich bin’s für keinen.
Man kann nicht glücklich sein, ohne andere ins Unrecht zu versetzen.
So viele Schreie, die schönste aller Sprachen …
Alles geht weiter, um nicht weiterzugehn.
Weder Angst noch Hass – unser Sieg!
Es geht nicht mehr darum, einzuschränken, sondern darum, sich einzuschränken.
Aber ich weiss nicht, wer Recht hat? – Der, der sich nicht fürchtet!
Aber ich bin zu stolz, um dich zu lieben, ohne mich wertzuschätzen.
Jeder ist ein Verräter, weil jeder Angst hat.
Wenn das Verbrechen zum Gesetz wird, hört es auf, ein Verbrechen zu sein.
Eine gute Pest taugt mehr als zwei Freiheiten.
Der Stärkste, schau, bin ich, der Unschuldige.
Schreit! – der Wind wird antworten.
Entschliesst euch lieber zu einem Leben auf Knien, als aufrecht zu sterben.
Die Idealvorstellung, dass der zur Hinrichtung Verurteilte an seiner Hinrichtung mitwirke.
Schuldig, sich naturgemäss regieren zu lassen.
Ich, ich regiere, das ist eine Tatsache, also mein Recht.
Sich anstellen, um gut zu sterben.
Alle verdächtig – guter Beginn.
Wir sind allein – die Pest und wir!
Die Seuche geht schneller als wir.
Striktes Verbot, denen zu helfen, die von der Krankheit geschlagen sind.
Die Epidemie verbreitet sich mit einer Geschwindigkeit, die jede Hilfe hinter sich lässt.
Nichts geschieht, nichts ist geschehen.
Die Revolutionen brauchen keine Aufständischen mehr.
Und wenn dereinst alles unterdrückt ist – dann haben wir das Paradies.
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Albert Camus, «L’Etat de siège», 1948, UA mit Pierre Bertin als Die Pest und Madeleine Renaud als Die Sekretärin (Théâtre Marigny, Paris 27. X. 1948); deutsch von Felix Philipp Ingold